GO TRABI GO to BUKAREST
Wie beginnt man eine Geschichte, von der man sich wünscht, dass sie ein kleines Abenteuer erzählt?
Eigentlich fing alles ganz harmlos an: Ein Schweizer Radiosender wollte einen Trabant mieten.
Eigentlich kein Problem, ist ja unser täglich Brot.
Aber: Der Sender wollte den Trabi nicht für eins, zwei Tage, sondern für drei Wochen (!) mieten! Und nicht irgendwo in Deutschland, sondern in Bukarest. Und dann nicht nur einen Trabi 601, sondern einen Trabant 1.1 Univers!! Boa, der Hammer!!!
Na gut, alles eine Frage des Geldes, aber manchmal ist Geld nicht alles. Zum Glück schlummerte das gewünschte Gefährt in unserer Garage. Aber ein so kümmerliches Stück Trabant, was da stand: Rost, Rost und noch mal Rost!!! Nach seinem von unbestimmter Zeitdauer währenden Dornröschenschlaf belebten wir diesen, nennen wir Ihn „ET“, Trabant 1.1 Univers Stück für Stück wieder.
Zu DDR-Zeiten kann das Brainstorming für den 1.1er Trabant nur wenige Minuten gedauert haben, denn das Ergebnis, welches wir hier bearbeiten durften war, wie soll man sagen, einfach nur 601mäßig saumäßig. Wirkliche Verbesserungen, die ihn marktfähig gemacht hätten, sucht man eigentlich vergeblich. Ein bisschen erinnert es an die Geschichte von Frankenstein: ein Teil vom Trabant 601, ein wenig vom Polo bzw. VW und fertig ist das immer noch wie ein Trabi aussehende Gefährt namens Trabant 1.1 Univers. Ich möchte die Bemühungen der Genossinnen und Genossen des VEB Sachsenring von damals weder schmälern noch lächerlich machen, doch nach meinen ersten Kilometern war ich enttäuscht, denn ich erwartete eine Rakete im Trabant-Kostüm.
Aber bis dahin war es noch ein weiter Weg und ohne meinen Vater, einem begnadeten Handwerker und Kfz-Meister, wäre dieser Weg kaum möglich gewesen: Kennen Sie das auch, Sie murkeln tagelang an einer Sache herum und dann kommt jemand und löst das Problem einfach mit seinem gegebenen Verstand? Einfach genial! So jemand ist mein Vater. Aber eigentlich geht es in meiner Geschichte um unseren Trabi, was er alles noch so vor sich haben würde, es geht um unsere Tour nach Bukarest.
14.09.2009 Lutherstadt Wittenberg - Brno
Nach einem stressigen Tagesbeginn (6:00 Uhr wecken) und jeder Menge Kleinigkeiten, die noch getan werden mussten, starteten wir endlich um 11:00 Uhr.
Die Fahrt bis Dresden war durch schlechtes Wetter und etwas Aufregung geprägt. Läuft der Motor? Oh, was war das gerade für ein Geräusch? .. Keine Panik, alles in Ordnung. Daran sollten wir uns gewöhnen. Unseren ersten Stopp machten wir in Börnersdorf - nette tote Ecke. Aber wer den Film „Schtonk“ gesehen hat, so auch die Hitlertagebücher, bei dem sollte es klingeln. Obwohl die Satire des Films fast unwirklich klingt, liest man die wahre Geschichte, in der auch Börnersdorf eine Rolle spielt, wie das Drehbuch zum Film.
Das kleine Dorf Börnersdorf, gelegen in der Sächsischen Schweiz, spielte bei den Recherchen zum "journalistischen Coup des Jahrhunderts" eine wichtige Rolle. Die Junkers 352 von Fliegermajor Gundelfinger war in den frühen Morgenstunden des 21. April 1945 beim Versuch einer Notlandung zerschellt. …
Uns hingegen interessierte das jetzt überhaupt nicht: wir hatten Hunger!!!
Dann ging es weiter über Prag nach Brno - alles sehr unspektakulär. In Brno, es war mittlerweile 19:00 Uhr, versuchten wir, uns in ein, zwei, drei Hotels einzuchecken. Vergeblich. Schuld daran war der „Cardion ab Grand Prix der Tschechischen Republik“ – alles ausgebucht. Aber irgendwie fanden wir doch noch ein nettes Hotel - es wurde auch höchste Zeit!
Das Abendessen war gut, auch das Ambiente - eine Kneipe, mit allem was dazugehört: Ein riesiger Hund lag mitten im Gastraum, die ländliche Bevölkerung saß beim Bier und wir als Nichtraucher im durchlüftendem Türbereich.
Zum Abschluss des Abends freute sich Guido auf sein Betthupferl, was auf unseren Kopfkissen lag. Leider stellte sich heraus, dass es keine Schokolade, sondern ein kleines Stück Seife war. Na ja, andere Länder, andere Sitten.
15.09.09 Brno - Debrecen
Kurz nach 7:00 Uhr erwachten wir und fingen an, uns auf die nächste Etappe vorzubereiten. Guido ging schon im Außenbereich der Pension auf Erkundungstour, ich kämpfte mit der Dusche. Am Anfang dachte ich schon, die hätten das Wasser abgestellt oder Guido hat unser zugeteiltes Wasser aufgebraucht. Aber dann bekam ich die Technik in Griff. Frühstück war erst um 9:00 Uhr, so hatte man es uns am Vorabend gesagt. So spät? Egal, wir packten schon mal das Auto. Nach dem Frühstück suchten wir erst einmal eine Tankstelle für „ET“. Kurz vor der Autobahn konnten wir tanken - ein Gewerbehof mit drei Zapfsäulen. Komischerweise passte die Benzin-Bleifrei-Pistole nicht in den Tankstutzen! So träufelte ich Liter für Liter in den Tank. Es kam mir sehr komisch vor, so dass ich mich vorsichtshalber erkundigte, ob es auch wirklich das richtige Benzin sei. Ein freundlicher Mann, der gerade sein Frühstück (eine Büchse Bier!) in dem Tankkiosk zu sich nahm, half bei der Übersetzung: es war das richtige Benzin! Beruhigt und mit vollem Tank gings auf die Autobahn. Bis nach Budapest passierte nichts weiter, außer, dass sich unsere Windschutzscheibe langsam mit Mautplaketten füllte. Wenn das so weitergehen würde… Das Sichtfeld des Fahrers wäre bald zu 30 Prozent eingeschränkt.


Endlich Budapest!!! Eigentlich ging es erst einmal nur darum, eine Möglichkeit zu finden, um ins Internet zu kommen. Nachdem wir endlich einen Parkplatz gefunden hatten, versuchte ich, Passaten zu fragen, wo es ein Internet–Café oder ähnliches gibt. Die ersten Versuche scheiterten, zum Vergnügen meines Cousins, kläglich. Die Menschen wichen mir aus - als ob ich sie anbetteln würde!! Um es kurz zu fassen: in einer Bücherei fanden wir ein Internetterminal und ich hatte die Möglichkeit, einen ersten Bericht zu senden. Aber die Zeit war einfach zu kurz. Auf der Tastatur gab es auch kein „Ü“ oder „Ä“, Fehlermeldungen kamen nur auf Ungarisch... Also Weiterfahrt.
Die Fahrt durch die Innenstadt war endlich mal etwas fürs Auge, wunderschön! Eine Brücke war wegen Bauarbeiten gesperrt, so ging es nur im stop and go weiter.


Nach weiteren vier Stunden waren wir endlich in Debrecen. Es war schon dunkel und wir folgten der Hotel-Ausschilderung. Im Zentrum angekommen, parkten wir auf dem erstbesten Parkplatz. Das Grand Hotel wirkte von außen sehr pompös. An der Rezeption erkundigten wir uns nach den Preisen: nur 50 € für das DZ mit Frühstück. Das klang akzeptabel. Als wir das Zimmer betraten, dachten wir erst, wir wären in einem anderen Haus gelandet- wo war der Pomp??? Aber nach dem zweiten Blick fanden wir das Zimmer gar nicht mehr so schlecht. Wir hatten sogar einen schönen Blick auf den Marktplatz und den Brunnen vor unserem Haus.

16.09.09 Debrecen – Sibio (Herrmannstadt)
Übrigens: Debrecen ist die zweitgrößte Stadt Ungarns. Die Stadt ist sicherlich kein bevorzugtes Touristenziel, denn abgesehen von einem kleinen Bereich in der Innenstadt, ist sie vorwiegend von heruntergekommenen Bauten der kommunistischen Zeit geprägt.
Nach dem Frühstück starteten wir unsere dritte Etappe. Noch immer versuchte ich, bei 80 km/h in den 5.Gang zu schalten… Was für eine Angewohnheit! Im Großen und Ganzen lief der Motor gut und nach einer Weile hatte man sich auch an den Geräuschpegel gewöhnt. Je näher wir der rumänischen Grenze kamen, desto trostloser wurde das Land. Nach 70 km waren wir an der Grenze und klebten uns eine weitere Mautplakette ins Fenster.
Rumänien war für Guido und mich eine Premiere. Am Horizont sahen wir schon die ersten Berge und die Straßen wurden „sozialistischer“, sprich: schlechter als schlecht. Es gab viel zu sehen - landschaftlich war es wirklich sehr schön. Wir staunten über Zigeuner, Pferdefuhrwerke, heruntergekommene Höfe und Dörfer. Es war wie eine Fahrt durch unsere Kindheit.



Sehr gewöhnungsbedürftig war die Fahrweise der rumänischen Verkehrsteilnehmer. Wenn man sich nicht darauf einstellt, sollte man lieber zu Fuß gehen: Bei jeder sich ergebenden Möglichkeit wurde überholt. Dass man als Trabifahrer grundsätzlich überholt wird, kenne ich auch aus Deutschland. Schlimmer sind in Rumänien die Überholer aus dem Gegenverkehr, die einfach davon ausgehen, dass man so weit wie möglich nach rechts ausweicht, so dass auch drei Autos aneinander vorbeifahren können. Aber auch für uns ergaben sich einige Chancen zum Überholen – Pferdefuhrwerke! Und am Berg ließen wir sogar einen P 601 eiskalt stehen. Das ist ein Vorteil des Trabant 1.1: er beschleunigt weitaus besser, vor allem in den Bergen.
Unser Ziel Sibiu hatten wir schon gegen 17:00 Uhr erreicht. Als wir uns aus dem Trabi pellten, stand eine junge Frau mit einer Videokamera vor uns und strahlte. Sie war Französin, sprach gut deutsch und war in der gleichen Mission wie unser Trabi unterwegs: 20 Jahre nach dem Mauerfall auf Spurensuche entlang des „Eisernen Vorhangs“. Wir berichteten ihr kurz von unserem Vorhaben und lächelten bereitwillig in ihre Kamera. Weil das „Holiday Inn“, in dem sie wohnte, ihrer Ansicht nach nicht so besonders sei, checkten wir im „Ramada“ ein.
Dann ging es auf Entdeckungstour. Das Stadtzentrum lag nur 500 m vom Hotel entfernt und so waren wir in nur wenigen Minuten auf dem Marktplatz. Die touristischen Informationen waren rumänisch und deutsch beschriftet, so dass wir uns schnell und gut einen Überblick verschaffen konnten.
1143 erreichten die ersten deutschen Siedler die Gegend und ließen sich auf dem Hügel über dem Zibin -Fluss, der heutigen Oberstadt, nieder. Im 14. Jahrhundert entwickelte sich Hermannstadt zu einem wichtigen Handelszentrum. Gegen die Bedrohung durch die Türken ließ die Stadt drei Mauerringe errichten, die zum Teil noch erhalten sind. Wirklich sehenswert! Ende 2007 wohnten in Sibiu etwa 2.000 deutsche Einwohner in der Stadt. Bis zum Ende des Kommunismus in Rumänien lebten, trotz massiver Auswanderung seit Mitte der 70er Jahre, etwa 20.000 Siebenbürger Sachsen in Hermannstadt…


Sehr angenehm für uns war auch die Zweisprachigkeit. Auch behördlich wird die Stadt heute als Sibiu/Hermannstadt geführt.
Wir ließen uns in der Nähe des Marktplatzes nieder und entspannten bei einem Abendessen.
17.09.09 Sibio – Bucarest
Letzte Etappe mit der Pappe. 15:00 Uhr sollte die Übergabe des Trabis in Bukarest erfolgen. Die noch zu fahrenden 270 km sollten eigentlich kein Problem darstellen. Nach einem tollen Sonnenaufgang, gut gestärkt und voller Zuversicht, ging es 8:30 Uhr auf die Piste.


Für die ersten 100 km benötigten wir fast zwei Stunden, weil uns unser Navi bis auf wenige Ausnahmen nicht die vielen kleinen Ortsdurchfahrten anzeigte. Wir waren froh, dass wenigstens unser Zielort genau definiert wurde. Wieder fuhren wir durch ein landschaftlich sehenswertes Stückchen Rumänien. Störend hingegen war der ständige Smog, der durch das Verbrennen von Maisstroh entstand. Die Monotonie der Landwirtschaft: Mais, Mais und nochmals Mais, Sonnenblumen und wieder Mais war für uns ein Rätsel. Gegen 13:00 Uhr erreichten wir die Außenbezirke von Bukarest. Geschafft!! – Denkste!
Da war es wieder, das Übel: der rumänische Straßenkampf und ein wenig Panik überkam uns. Sollten wir auf den letzten 20 km doch noch unseren treuen Trabi verlieren?!? Eingequetscht in der Blechlawine schoben wir uns Stück für Stück ins Zentrum. Außer uns sahen alle anderen Verkehrsteilnehmer sehr relaxt aus. Ein Mann im Dacia neben uns fütterte sogar seine Frau, die hinterm Steuer saß. Ein Busfahrer begann ein Gespräch mit Guido. Er bemerkte, dass wir keinen Trabimotor unter der Haube haben und fragte, ob wir einen Daciamotor eingebaut hätten .. Ganz schöne Leistung, so etwas bei dem ganzen Lärm herauszuhören!
So richtig vorwärts kamen wir auch nicht, mittlerweile war es schon nach 14 Uhr! Kurz vor 15:00 Uhr - nach Auskunft des Navis waren es nur noch knappe 2 km bis zum Ziel, klingelte auch noch mein Telefon: die Schweizer!!! Urs wollte wissen, wo wir uns befinden. Ich war ein wenig stolz ihm berichten zu können, dass wir in 10 Minuten am Hotel eintreffen würden. Das war aber recht optimistisch gedacht, denn als wir uns zum Linksabbiegen einordneten, stand plötzlich ein Fahrzeug links neben uns. Man sollte eigentlich davon ausgehen, dass dieses Fahrzeug die gleiche Richtung einschlägt. Nicht so in Bukarest- wir wurden genötigt mit geradeaus zu fahren und brauchten weitere 20 Minuten ,um ans Ziel zu kommen.
Endlich geschafft !Um 15:30 Uhr sind wir am Hotel. Wir werden von Urs und seinem Team schon erwartet. Was für ein Gefühl. Wir stehen zwischen den dicken Schlitten und zu allem Überfluss wird unser Trabi durch das Hotelpersonal eingeparkt.
